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Driss, der sein muss
Vergaser, Choke, Luftkühlung und ein analoger Tacho: Die Yamaha XT 600 stammt aus einer Zeit, in der Motorräder noch erstaunlich wenig konnten. Aber fehlt modernen Motorrädern heute vielleicht genau diese Einfachheit? Ich bin eine XT 600 aus den 90er-Jahren gefahren – und war hinterher weniger sicher als vorher.
„Früher war alles besser.“ Diesen Satz hört man ständig. Auch beim Motorradfahren.
Früher seien Motorräder ehrlicher gewesen. Robuster. Einfacher. Heute gibt es TFT-Displays, verschiedene Fahrmodi, Traktionskontrolle, Smartphone-Connectivity und elektronische Helfer für beinahe jede Lebenslage. Objektiv müsste die Sache also ziemlich eindeutig sein: Moderne Motorräder sind besser. Oder?
Genau das wollte ich bei einer Fahrt mit einer Yamaha XT 600 aus den 90er-Jahren herausfinden.

Schon vor dem Losfahren merkt man, aus welcher Zeit die XT 600 stammt. Benzinhahn öffnen. Choke ziehen. Motor starten und ihm ein bisschen Zeit geben, wach zu werden.
Wobei „starten“ bei meinem Exemplar an diesem Tag etwas optimistisch formuliert war. Die Yamaha hatte mehrere Monate gestanden, die Batterie war leer und schließlich brauchte es neben dem Choke noch etwas Überzeugungsarbeit mit Bremsenreiniger. Das volle 90er-Jahre-Programm also.
Doch sobald die XT läuft, fällt etwas auf, das bei modernen Motorrädern beinahe ungewöhnlich geworden ist: Es gibt erstaunlich wenig zu bedienen. Ein analoges Instrument, einige Kontrollleuchten und ein paar Schalter. Kein TFT-Display, kein Bordcomputer mit zig Untermenüs und kein Knopf, mit dem ich erst einmal herausfinden muss, welchen Fahrmodus ich gerade ausgewählt habe. Bei modernen Motorrädern brauche ich manchmal zehn Minuten, bis ich alle Menüs verstanden habe. Bei der Yamaha XT 600 war ich nach drei Sekunden fertig. Es gab nämlich keine.

Herzstück der Yamaha XT 600 ist ein großer Einzylindermotor. Rund 600 Kubikzentimeter, Vergaser, Luftkühlung und in diesem Fall etwa 45 PS und 50 Nm Drehmoment. Auf dem Papier klingt das heute nicht besonders spektakulär. Beim Fahren sieht die Sache anders aus. Der Motor rüttelt, bollert und vibriert. Man spürt ziemlich genau, dass da unter einem ein großer Kolben arbeitet. Perfekte Laufruhe gehört definitiv nicht zu seinen Kernkompetenzen.
Dafür steht gerade von unten ordentlich Drehmoment zur Verfügung. Und irgendwie gehört dieses mechanische Eigenleben zum Erlebnis dazu. Bei den Vibrationen kann man jedenfalls kaum müde werden.
Yamaha XT 600
Motorradfahren wie es in den 90ern war.

Je länger man sich die XT anschaut, desto deutlicher wird der Unterschied zu einem modernen Motorrad. Ein analoges Instrument. Fertig. Ein luftgekühlter Einzylinder. Keine Wasserkühlung – den Rest soll der Fahrtwind richten. Speichenräder. Nicht, weil Retro gerade wieder modern geworden ist. Sondern weil Retro damals einfach Gegenwart war. Und natürlich der Benzinhahn. Eine Restreichweitenanzeige braucht die XT nicht. Früher war der Tankcomputer eben die linke Hand: Wenn der Motor anfing zu stottern, wurde auf Reserve umgeschaltet. Wer wie ich noch mit einem Mofa angefangen hat, kennt das Prinzip.
Und trotzdem stellte sich mir während der Fahrt irgendwann eine merkwürdige Frage: Vermisse ich eigentlich irgendetwas?
Erstaunlicherweise zunächst nicht.
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Natürlich merkt man der XT ihr Alter an. Die Bremsen entsprechen nicht dem, was man heute gewohnt ist. Das Fahrwerk ist vergleichsweise einfach und beim Thema Sicherheit hat ein modernes Motorrad mit ABS und elektronischen Assistenzsystemen selbstverständlich die Nase vorn. Auch Komfort und Laufruhe haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten weiterentwickelt. Doch dann kommt eine enge, kurvige Straße bergauf. Und plötzlich interessiert das alles erstaunlich wenig. Die XT geht mit ihren rund 50 Newtonmetern richtig ordentlich vorwärts. Auch beim obligatorischen Beschleunigungsversuch merkt man schnell: 45 PS machen aus einer Yamaha XT 600 noch lange keine Krücke. Immerhin reden wir von einem Motorrad, das inzwischen mehr als drei Jahrzehnte alt ist.

Die XT 600 hat sich über Jahrzehnte den Ruf eines einfachen und robusten Reisemotorrads erarbeitet. Motorräder dieser Art wurden für Reisen eingesetzt, bei denen ein TFT-Display vermutlich das kleinste Problem gewesen wäre. Und natürlich gehört zu einer XT auch ein bisschen unbefestigter Untergrund. Zumindest theoretisch.
Denn während andere Menschen mit solchen Motorrädern die Welt bereist haben, war ich schon ein bisschen stolz darauf, einen Feldweg durch die Weinberge bis zum Ende gefahren zu sein. Die XT kann Offroad. Der Fahrer arbeitet noch daran.

Nach einigen Kilometern wurde aus meiner zunächst ziemlich einfachen Frage ein kleines Problem. Denn objektiv betrachtet sind moderne Motorräder tatsächlich in fast allen Bereichen besser. Sie bremsen besser. Sie sind sicherer. Sie sind komfortabler. Ihre Motoren laufen kultivierter und technisch können sie Dinge, von denen Motorradfahrer Anfang der 90er-Jahre nur träumen konnten.
Die alten Motorräder waren also nicht grundsätzlich besser. Sie konnten weniger. Sie waren unbequemer, lauter und unsicherer. Aber vielleicht waren sie einfacher. Und vielleicht musste man deshalb früher etwas weniger Motorrad bedienen – und konnte dafür etwas mehr Motorrad fahren.

Vielleicht ist genau das die falsche Frage. Moderne Motorräder nehmen uns möglichst viel Arbeit ab. ABS, Traktionskontrolle und moderne Fahrwerke möchte ich persönlich nicht missen. Technischer Fortschritt ist schließlich nicht automatisch etwas Schlechtes. Die Fahrt mit der Yamaha XT 600 hat mich deshalb auch nicht davon überzeugt, dass früher alles besser war.
Sie hat mich an etwas anderes erinnert: Wie wenig es eigentlich braucht, damit Motorradfahren Spaß macht. Motor. Zwei Räder. Eine schöne Straße. Mehr muss manchmal gar nicht sein. Vielleicht wurden Motorräder in den vergangenen Jahrzehnten immer besser – und haben auf diesem Weg trotzdem ein kleines Stück ihrer Einfachheit verloren.
Deshalb lautet meine Antwort auf die Ausgangsfrage: Früher war nicht alles besser. Heute aber auch nicht.

Und damit bleibt noch meine übliche Frage: Würde ich selbst eine Yamaha XT 600 kaufen? Mein Herz sagt nach dieser Fahrt tatsächlich: Ja. Mein Werkzeugkasten sagt ziemlich deutlich: Nein. Ich bin kein Schrauber. Und bei einem Motorrad, das mehr als 30 Jahre auf dem Buckel hat, gibt es naturgemäß häufiger etwas zu tun als bei einer modernen Maschine. Vernünftig wäre eine XT 600 für mich deshalb vermutlich nicht.
Aber wenn sich noch einmal die Gelegenheit ergibt, meine Maschine gegen die XT eines Freundes mal für eine Fahrt einzutauschen? Dann bin ich sofort dabei.
Yamaha XT 600 - jetzt seid ihr gefragt:
Würdet ihr euch aus Retrogründen ein Motorrad wie die Yamaha anschaffen? Schreibt es doch mal in die Kommentare des Videos!
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