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Driss, der sein muss
Ein warmer Feierabend, die letzten Sonnenstrahlen und dieser Impuls, den wohl jeder Motorradfahrer kennt: Jetzt noch kurz raus. Genau so begann es. Und genau so endete es im Straßengraben. Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil sie spektakulär wäre. Ich erzähle sie, weil sie erschreckend normal ist. Ein Motorradunfall passiert seltener wegen Raserei. Viel häufiger entstehen sie durch eine falsche Entscheidung in einem einzigen Moment. In meinem Fall war es die Entscheidung, weiterzufahren, obwohl ich praktisch nichts mehr sehen konnte.

Es war ein Freitag, einer dieser Abende, an denen die Luft mild wird und man den Tag nicht einfach drinnen beenden möchte. Zusammen mit einer guten Freundin wollte ich noch eine kleine Runde mit dem Motorrad drehen, einfach zum Abschalten. Es war entspanntes Motorradfahren ohne Zeitdruck oder Eile.
Die Sonne stand bereits tief am Horizont und blendete stark. Jeder, der schon einmal Abends mit dem Auto oder Motorrad in Richtung Westen gefahren ist, kennt das Gefühl: Das Licht trifft direkt ins Gesicht, und egal ob man die Sonnenblende herunterklappt oder den Kopf leicht neigt, richtig sehen kann man trotzdem nicht.
Ich dachte mir nur: Gleich bin ich durch die Kurve, dann sehe ich wieder. Das war der entscheidende Denkfehler.

Ein paar hundert Meter hinter einem Ort kam eine völlig normale Landstraßenkurve. Sie war weder besonders eng noch schwierig und ließ sich normalerweise problemlos mit ungefähr fünfzig Stundenkilometern mit dem Motorrad fahren. An der Geschwindigkeit lag es nicht. Das Problem war, dass ich geblendet war und trotzdem weiterfuhr.
Als ich wieder sehen konnte, war es bereits zu spät. Ich hatte die Kurve komplett falsch angefahren.

Das Motorrad schlug in einem Winkel von etwa 45 Grad auf den erhöhten Bordstein der Gegenspur ein. Meine Sozia wurde dabei vom Motorrad geschleudert. Die Maschine rutschte mit mir diagonal über die Straße in den rechten Straßengraben. Realisiert habe ich das Ganze erst, als ich noch auf dem Motorrad sitzend im Graben lag.
Erstaunlicherweise hatten wir enormes Glück. Abgesehen von Prellungen, blauen Flecken und zerstörter Schutzkleidung waren wir nicht schwer verletzt. Der eigentliche Motorradunfall war glimpflich ausgegangen.
Doch die Geschichte war damit noch lange nicht vorbei.
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Ich kroch den Hang hinauf, um nach meiner Mitfahrerin zu sehen. Währenddessen dröhnte ununterbrochen die Hupe des Motorrads, weil der gebrochene Lenkeranschlag den Knopf in den Tank gedrückt hatte. Als ich anschließend wieder hinunter zum Motorrad wollte, trat ich in ein Loch. In diesem Moment riss mein Kreuzband.
Den Unfall selbst hatte ich fast unverletzt überstanden, doch die eigentliche Verletzung passierte danach.

Viele werden sich wahrscheinlich fragen, wie man eine so einfache Kurve derart falsch fahren kann. Die Antwort ist simpel: Man fährt weiter, obwohl man geblendet ist, weil man glaubt, gleich wieder sehen zu können. Blendung gehört zu den gefährlichsten Ursachen für Motorradunfälle. Nicht wegen mangelnder Fahrtechnik, sondern wegen Selbstüberschätzung. Man trifft eine Entscheidung gegen das eigene Bauchgefühl und hofft, dass es schon gutgehen wird.
Der Unfall dauerte nur Sekunden, doch seine Folgen begleiteten mich über Jahre. Es war Corona-Zeit und die Krankenhäuser waren überlastet. Deshalb musste ich sechs Wochen auf einen Operationstermin warten, während mein Bein ruhiggestellt war. Im Nachhinein stellte sich das als problematisch heraus. Nach der Operation folgten sechs Wochen ambulante Rehabilitation, doch selbst danach konnte ich das Bein weder richtig strecken noch beugen. Ich war zwar wieder mobil, aber weit entfernt von normaler Belastbarkeit.
Zwei Wochen vor der Operation erhielt ich an einem Sonntagabend eine E-Mail meines Arbeitgebers. Nach elf Jahren Betriebszugehörigkeit wurde mir gekündigt. Kurz darauf zerbrach auch noch meine Beziehung, offenbar war die Situation zu belastend geworden. Ich stand plötzlich mit einem kaputten Bein, ohne Job und ohne Partnerin da.
Das war eine sehr schwere Zeit. Gleichzeitig wurde mir klar, dass ein Motorradunfall selten nur körperliche Folgen hat. Die eigentlichen Veränderungen betreffen oft das gesamte Leben.

Viele Menschen sagten mir später, sie könnten sich nach so einem Erlebnis nie wieder auf das gleiche Motorrad setzen. Ich sah das anders, denn die Maschine konnte nichts für den Unfall. Verkauft hätte ich sie nur zum Preis eines Teileträgers bekommen, also entschieden Freunde und ich, sie wieder aufzubauen. Ein Freund holte sie beim Abschleppdienst ab und brachte sie zu einem ehemaligen Zweiradmechanikermeister. Der prüfte den Rahmen, stellte fest, dass er gerade war, und erstellte eine Liste aller benötigten Ersatzteile. Am Ende war das Motorrad wieder fahrbereit.
Heute fahre ich nicht mehr ganz so unbeschwert wie früher, aber mit deutlich mehr Respekt. Und trotzdem fühlt es sich wieder richtig an.

Ein Motorradunfall endet nicht am Straßenrand. Er kann berufliche, gesundheitliche und private Folgen haben, die man im Moment des Fahrens niemals im Kopf hat. Der eigentliche Fehler war nicht die Kurve, nicht die Geschwindigkeit und nicht das Motorrad, sondern meine Entscheidung, trotz Blendung weiterzufahren.
Heute weiß ich, dass ein kurzer Moment Geduld alles verändert hätte.
Diese Zeit war hart, aber sie hat vieles neu sortiert. Rückblickend ist einiges sogar besser geworden als vorher, auch wenn ich den Unfall natürlich gern vermieden hätte.
Wenn dieser Bericht dazu führt, dass jemand bei tiefstehender Sonne kurz vom Gas geht oder im Zweifel anhält, dann hat sich das Erzählen gelohnt. Denn der entscheidende Gedanke war damals derselbe, den viele Fahrer kennen:
Gleich sehe ich wieder. Manchmal stimmt das eben nicht.
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